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- Artikel - Welt am Sonntag Das
Gesicht der Tragödie
Welt am Sonntag 13.Februar
Ein neuer Star: Julia Jentsch spielt "Sophie Scholl"
Heute abend wird es ernst. Im Wettbewerb der 55.
Berlinale läuft der erste von drei deutschen Beiträgen:
"Sophie Scholl - Die letzten Tage". Marc Rothemunds Film
erzählt mit kammerspielartiger Intensität, wie die junge
Titelheldin, Mitglied der Münchner Widerstandsgruppe
"Die weiße Rose", im Februar 1943 von der Gestapo
verhaftet und fünf Tage später hingerichtet wird.
Es dürfte kein Zufall sein, daß Festivalleiter Dieter
Kosslick mit diesem starken Porträt einer großartigen
jungen Frau die Reihe einheimischer Produktionen
eröffnet. Denn unabhängig von seinem spezifisch
deutschen Sujet steht "Sophie Scholl" stellvertretend
für das, was dem deutschen Film unter dem Label "Made in
Germany" international wieder Geltung verschaffte:
handwerkliches Können gepaart mit einer Geschichte, die
erschüttert, ohne dabei schulmeisterhaft zu sein.
Mit Julia Jentsch, die so eindrucksvoll die junge Sophie
Scholl verkörpert, beschert "Sophie Scholl" dem
deutschen Film außerdem einen neuen Jungstar. Die
26jährige Berlinerin fiel zwar schon auf der Bühne der
Münchner Kammerspiele und in Filmen wie "Die fetten
Jahre sind vorbei" auf. In "Sophie Scholl" aber erweckt
sie die bewunderte Ikone des gewaltlosen Widerstands zum
Leben, läßt die Kamera ganz dicht an sich heran - im
Gefängnis, bei den Verhören, während des Schauprozesses
unter Nazi-Richter Roland Freisler, in den Minuten vor
der Hinrichtung.
Dieses eindrückliche Gegenstück zu Oliver Hirschbiegels
"Der Untergang" basiert vor allem auf Verhörprotokollen
und Zeugenaussagen, die erst seit Öffnung der
Stasi-Archive zugänglich sind. Der historischen Tragödie
ihr zutiefst menschliches Gesicht zu verleihen ist vor
allem Julia Jentschs Verdienst: Sophie Scholls
Zivilcourage und ihre Todesangst, ihren Stolz und ihre
Verzweiflung, ihre Normalität und das unzeigbar
Außergewöhnliche an ihr - all dies verschmilzt sie
mitunter in einer einzigen Geste, einem einzigen Blick.
Und bricht einem jenseits aller Melodramatik das Herz.
Das ist große Schauspielkunst, ohne jeden Zweifel.
Ein anderes Kunststück vollzog sich vergangenes Jahr,
als der deutsche Film einen Marktanteil von rund 22
Prozent erreichte, vor allem dank "Bully" Herbigs "(T)Raumschiff
Surprise", Ottos "7 Zwerge" und dem "Untergang".
Dies zu wiederholen, dürfte in diesem Jahr schwer
werden. Doch der Spagat zwischen Kunst und Kasse, dem
ewigen Dilemma des deutschen Kinos, er könnte einem Film
wie "Sophie Scholl" gelingen. Gleiches erhofft sich die
Branche auch von Christian Petzolds "Gespenster" und
Hannes Stöhrs "One Day in Europe", den beiden anderen
deutschen Wettbewerbsbeiträgen. Sollte die
Berlinale-Jury das Trio am 20. Februar mit dem einen
oder anderen Bären auszeichnen, wäre das schön, aber
nicht entscheidend. Daß es diese Filme gibt, ist schon
Glück genug. Karl-Heinz Schäfer
Artikel erschienen am 13. Februar 2005
© Julia-Jentsch.de
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