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Mit
Sophie bangt man bis zum Schluss
18.02.2005 newsclick.de
Berlinale: Julia Jentsch brilliert in Marc Rothemunds
Film "Sophie Scholl – die letzten Tage"
von Jens Hinrichsen
Die Geschwister Scholl legen Flugblätter auf den Fluren
der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität aus. Noch
ist das Treppenhaus leer. In wenigen Momenten werden
Hunderte aus den Hörsälen strömen. Sophie Scholl gibt
sich und einem Stoß Papier den letzten Ruck. Ihre
Schmähschrift gegen Hitler, Größenwahn und Judenhass
schneit von der Brüstung in die Halle hinab.
Ertappt, verhaftet, verhört und hingerichtet: Hier nimmt
Marc Rothemunds Wettbewerbsfilm seinen Ausgang. "Sophie
Scholl – Die letzten Tage" ist ein packendes
Kammerspiel, das sich ganz auf die Jeanne d’Arc des
deutschen Widerstands konzentriert.
Überlebensgroß und entrückt wirkt diese Sophie Scholl
aber Gott sei Dank nicht. Das ist vor allem Julia
Jentsch zu verdanken. Prinzipientreue, willensstarke
Frauen liegen der 26-jährigen Berlinerin, das hat sie
mit der Antigone in den Münchner Kammerspielen und als
Revoluzzerin im Film "Die fetten Jahre sind vorbei"
bewiesen.
Zähigkeit und scharfer Verstand waren es, womit die
echte Sophie Scholl den Vernehmungsbeamten nach dem
ersten fünfstündigen Verhör von ihrer Unschuld
überzeugen und damit Zeit für sich und ihre
Mitverschwörer gewinnen konnte. Im Kern konzentrieren
sich Drehbuchautor Fred Breinersdorfer und Regisseur
Marc Rothemund auf dieses intime Drama.
Die Sonne scheint ins muffige Zimmer. Der Beamte haut
mit der Faust auf den Eichentisch. Darunter knetet
Sophie ihr Handgelenk und bietet dem Mann doch die
Stirn. Der NS-Beamte Robert Mohr (überzeugend
zwiegespalten: Alexander Held) baut der Delinquentin
durchaus rettende Brücken. Umsonst. Sophie verlässt das
Vernehmungszimmer erhobenen Kopfes und liefert sich der
Scheinverhandlung im Volksgerichtshof aus. Rothemunds
Kunststücke sind Momente, wo der Zuschauer denkt:
Mädchen, du schaffst es – wider besseres Wissen.
Julia Jentsch’ sanfte Geradlinigkeit beeindruckt auch in
der Gerichtsszene. Dazu bieten Fabian Hinrichs als Hans
Scholl und Alexander Held als Mitangeklagter Christoph
Probst glaubwürdige Leistungen. Die Rolle des geifernden
Blutrichters Roland Freisler droht bei André Hennicke
ins unfreiwillig Komische zu kippen.
Für Julia Jentsch war die Rolle auch eine gewaltige
konditionelle Leistung. Ihre Drehtage begannen morgens
um sechs, dauerten bis zu zwölf Stunden. Abends musste
sie oft noch Theater spielen. Im Film merkt man nichts
davon. Mit ihrer Sophie bangt man bis zum Schluss.
Der sieht so aus: Letzte Zigarette zu dritt, Abschied
von den Eltern, Abendmahl. Einmal noch, in der
Gefängnistoilette, ist sie ganz für sich. Da schreit sie
einen furchtbaren, dumpfen Schrei. Sie ist schon tapfer
genug gewesen. Und: so mutig sei noch niemand zum
Schafott gegangen, soll ein Zeuge berichtet haben.
Sophie Scholl wusste wohl, dass sie nicht umsonst
stirbt.
© Julia-Jentsch.de
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