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Berliner Zeitung Das
unerschrockene Mädchen
Berliner Zeitung Februar 2005
Julia Jentsch ist ein Star. Langsam wird auch ihr das
klar. Im Wettbewerb der Berlinale ist sie als Sophie
Scholl zu sehen
Frank Junghänel
BERLIN, im Februar. Acht Sekunden dauert es, bis das
Fallbeil ihr Leben beendet, acht Sekunden vom Betreten
der Hinrichtungsstätte bis zum Tod. Der Scharfrichter
wird später äußern, er habe bis zu jenem Februartag 1943
niemanden so mutig sterben sehen wie Sophie Scholl.
Die junge Frau wird von den Vollstreckungsbeamten an den
Armen gepackt und aufs Schafott gezerrt, sie hebt das
Gesicht, sie sieht den Zuschauer an. Dann erlischt ihr
Bild im Kino. Der Film ist aus, aber er ist noch nicht
zu Ende.
Das Gesicht der Sophie Scholl lässt einen nicht los. Es
gehört der Schauspielerin Julia Jentsch. Alles an ihr
scheint Sophie Scholl zu sein; die hohen Wangenknochen,
die braunen Augen, das gereckte Kinn und der Scheitel,
gehalten von der berühmtesten Haarklammer der deutschen
Geschichte. Alles an Sophie Scholl scheint Julia Jentsch
zu sein, ihre aufrechte Haltung, ihre feste Stimme, ihr
Hochdeutsch.
In Wirklichkeit sprach Sophie Scholl einen schwäbischen
Akzent. "Eine schwäbelnde Sophie hätte eine Irritation
geschaffen, eine Distanz, die wir nicht wollten", sagt
Julia Jentsch. Man darf nicht vergessen, sie ist nur die
Schauspielerin. Man vergisst es aber.
Julia Jentsch, sechsundzwanzig Jahre alt, aufgewachsen
im Berliner Stadtteil Charlottenburg, spielt das
unerschrockene Mädchen aus dem Münchner Widerstand mit
einer großen Selbstverständlichkeit.
Wenn Marc Rothemunds Film "Sophie Scholl - Die letzten
Tage" am Sonntag im Wettbewerb der Berlinale gezeigt
wird, erfüllt sich eine Prophezeiung. Vor zwei Jahren
hatte eine Zeitzeugin geschrieben: "Ob Sophie Scholl
noch Platz in dem kollektiven Gedächtnis der
Gesellschaft hat, hängt vielleicht mehr davon ab, ob ein
Hollywoodregisseur sich ihrer demnächst annimmt, als von
der Themenauswahl im Geschichtsunterricht."
Es musste nicht erst jemand aus Hollywood kommen. Der
Regisseur Rothemund, Jahrgang 68, suchte einen neuen
Zugang zur Geschichte der Sophie Scholl und fand ihn in
den Verhörprotokollen der Geheimen Staatspolizei. Die
Akten lagen bis 1990 im Archiv des Ministeriums für
Staatssicherheit. Marc Rothemund konzentriert sich in
seinem Film auf das Duell zwischen Sophie Scholl und
ihrem Vernehmer. Erst redet sich die Studentin aufmüpfig
und wortgewandt heraus, um sich am Ende, als ihr Bruder
gesteht, gefasst dem Tode zu ergeben.
Die Sophie Scholl der letzten Stunden wirkt entrückt.
"Wenn man die Verhörprotokolle liest, kann einem Sophie
fast ein wenig unheimlich werden", sagt Julia Jentsch.
"Sie scheint so ruhig zu sein, so selbstsicher. Manchmal
hätte ich gern gewusst, wie groß war ihre Angst
wirklich? Woran hat sie gedacht? Es war oft schwierig,
sie sich vorzustellen. Man möchte ihr ja gerecht werden,
dass es glaubhaft ist, die Menschen überzeugt." Beim
Sprechen betont sie jeden Satz; zerdehnt die Worte, als
hüte sie sich davor, sie zu schnell loszulassen. "Was
ich aus der Schule wusste, waren die Fakten,
Flugblätter, Verhaftung, Hinrichtung. Über den Menschen
Sophie habe ich erst durch die Arbeit am Film etwas
erfahren." Es passiert nicht oft, dass sie so viele
Sätze hintereinander sagt. Sie denkt lange nach, bevor
sie spricht. Sie sitzt ganz vorn auf der Sesselkante und
massiert mit den Händen ihre Knie.
Mit siebzehn wollte Julia Jentsch Goldschmiedin werden.
Sie wollte Material bearbeiten, schöne Dinge fabrizieren
und möglichst wenig dabei reden. Das schien ihr eine
lohnende Perspektive zu sein. Oftmals erzählen
Berufswünsche, die verworfen wurden, mehr über einen
Menschen, als jener Beruf, mit dem sie letztlich ihr
Geld verdienen. Der Beruf Goldschmied eigne sich
besonders für introvertierte Jugendliche, die über einen
langen Zeitraum an der gleichen Arbeit verweilen können,
heißt es in einem Ausbildungsprofil. Julia Jentsch sagt,
sie wollte auch mal Mathematik studieren, Deutsch,
Geschichte oder eben Jura. Ihre Eltern sind Juristen.
Viel zu schüchtern
Am sportorientierten Gymnasium hat sie Rudern, Handball
und Judo trainiert. Sie war auch im Turnverein. "Ich
mochte das gar nicht so, habe es aber lange Zeit
gemacht." Das Reck lag ihr besonders, ihre kräftigen
Schultern zeugen davon. Und ein gewisser Stolz. Man kann
sich gut vorstellen, wie sie nach einer schwierigen
Übung landet und allen Schmerz, der ihr in den Knochen
steckt, hinter ihrem Lächeln versteckt. Sie hat manches
probiert, Schauspielerin ist sie geworden, "obwohl ich
Schauspiel eigentlich nie favorisiert habe. Ich habe
mich zwar zum Theater hingezogen gefühlt, war aber viel
zu schüchtern, was auf der Bühne zu machen."
Nun ist sie sogar die beste Schauspielerin ihrer
Generation. Spricht man sie darauf an, errötet sie
leicht und sagt: "Das ist jetzt aber eine nette
Theorie." Dabei ist das gar keine Theorie, es ist in
diesem Moment nicht mal als Kompliment gedacht, sondern
einfach die Wahrheit. Gerade erst wurde sie als beste
Nachwuchsschauspielerin mit dem Bayerischen Filmpreis
ausgezeichnet, die Filmkritiker des Landes wählten sie
für die Rolle der Jule in "Die fetten Jahren sind
vorbei" zur Besten Darstellerin des vergangenen Jahres,
und bereits vor zwei Jahren hatte ihr die Zeitschrift
Theater Heute den Nachwuchspreis für ihre Arbeit an den
Münchner Kammerspielen verliehen. An diesem Haus ist
Julia Jentsch als Antigone, Brunhild und Desdemona zu
sehen.
Joachim Kaiser, dem Nestor der Münchner Theaterkritik
gefiel die "Power von Desdemona", wie er es in seiner
Besprechung des "Othello" formulierte. "Julia Jentsch
hat eine enorme Präsenz, etwas sehr Handfestes", sagt
Kaiser. "Als ich sie zum ersten Mal auf der Bühne sah,
dachte ich, vom Rang her und von ihrer Kunstfertigkeit
könnte sie eine ganz andersartige Jutta Lampe werden."
Ein gut gemeintes Lob. Zunächst einmal muss sie sie
selber sein. Das ist oft schwer genug. Als "Die fetten
Jahre sind vorbei" in die Kinos kam, wurde Julia Jentsch,
die rebellische Jule, immer wieder gefragt, ob sie nicht
zufällig auch bei Attac sei, was sie denn persönlich vom
Kapitalismus halte und was denn überhaupt mit dieser
Jugend los sei. Das hätte man gern von ihr gewusst. Wenn
ihr neuer Film in die Kinos kommt, wird man sie fragen,
wie mutig sie ist, ob sie selbst auch für eine Idee ihr
Leben geben würde und ob sie sich eventuell vorstellen
könne, wie sich Sophie Scholl angesichts der Guillotine
gefühlt hat.
"Ich verstehe ja solche Fragen", sagt Julia Jentsch,
"aber eigentlich sind sie absurd, weil es nun mal mein
Beruf ist, mich mit verschiedenen Lebensentwürfen zu
beschäftigen. Das heißt nicht, dass ich sie teile. Ich
bin nur Schauspielerin. Das ist wirklich wahr." Sie sagt
das trotzig. "Ich bin nicht bei Attac und auch nicht im
Widerstand."
Dass man sie mit ihren Rollen identifizieren möchte,
liegt daran, dass sie diese so wahrhaftig verkörpert.
Julia Jentsch erlöst ihre Figuren vom Manuskriptpapier,
sie verleiht ihnen Würde. Ob das die Bäckerstochter im
Tatort ist oder das verstörte Tausendschönchen in einer
Episode der Reihe Bloch. Zur Zeit ist sie in einem
weiteren Kinofilm zu sehen. "Schneeland" erzählt eine
archaische Geschichte. Sie spielt in Lappland. So weit
entfernt von sich war sie als Filmschauspielerin noch
nie. Es sind die dreißiger Jahre, das Mädchen Ina wird
auf einem einsamen Hof von ihrem Vater missbraucht.
Julia Jentsch hat starke Szenen mit Ulrich Mühe. Aber,
man muss es leider sagen, der Film ist ein Flopp. "Mich
lässt das nicht unberührt", sagt sie. Doch sie kann sich
nicht damit aufhalten.
Eigentlich hat sie auch keine Zeit für die Berlinale. In
einer Woche steht in München die Premiere des Stücks
"Die zehn Gebote" nach Krzystof Kieslowski auf dem Plan.
Julia Jentsch spielt viele Töchter. Sie ist im Moment
die Tochter der Nation. "Es konzentriert sich gerade so
sehr", sagt sie, "Proben, Interviews, das Festival. Ich
komme gar nicht dazu, mich mit all dem auseinander zu
setzen." Das Interesse an ihr ist zuweilen erdrückend.
"Ich denke manchmal, diese große Aufmerksamkeit ist gar
nicht gerechtfertigt", sagt sie. Sie wirkt ein wenig
gehetzt. Es geht schon eine ganze Weile alles sehr
schnell.
Nach dem Abitur hatte sie sich an der Berliner
Schauspielschule Ernst Busch beworben. Als sie am Abend
vor der Aufnahmeprüfung vor ihren Eltern den
Giftfläschchenmonolog aus "Romeo und Julia" übte,
zerbrach die Ampulle. Sie trat in die Scherben und
musste am Fuß genäht werden. Das Unglück brachte ihr
Glück. Sie wurde sofort angenommen. Vier Jahre studierte
Julia Jentsch an der Schauspielschule.
Dort hatte sie Frank Baumbauer, der Intendant der
Münchner Kammerspiele, 2001 beim Vorspiel der
Absolventen entdeckt. Sie war die Klytaimnestra. "Diese
kleine, hübsche Person entwickelte einen unglaublichen
Furor", sagt Baumbauer, "und das in einer Rolle, die mit
ihrem Charakter rein gar nichts zu tun hat." Technisch
seien die Studenten der Ernst-Busch-Schule immer gut,
"aber Julia verfügt über eine Ausstrahlung, die man
nicht erwerben kann. Auf der Bühne wirkt sie einfach
riesig." Es sind dunkle Welten, in die sie sich hinein
wirft, voller Wahnsinn und Gewalt.
"Dieses Mädchen, eigentlich ein bürgerliches Kind,
spielt hier Frauen, die es gar nicht kennt", sagt der
Intendant. "Wie sie diese Figuren an sich zieht ist
phänomenal. Im Herbst spielt sie Wedekinds "Lulu".
Julia Jentsch lebt das Extreme - nicht im Leben. Sie
fand noch keine Zeit, das Leben zu erfahren.
Baumbauer macht sich keine Sorgen, dass der Trubel über
seiner jungen Schauspielerin zusammenschlagen könnte.
"Es gibt einen gewissen Hype um Julia, aber sie ist eine
starke Persönlichkeit, sie kann das verkraften. Sie ist
ja auch clever. Ich wünsche ihr gute Angebote." Ihr
Vertrag in München läuft bis zum Jahr 2006. Dann wird
man sehen. Sie muss sich entscheiden. Nicht nur zwischen
Film, Fernsehen und Theater. Sie muss sich auch immer
wieder entscheiden, wie viel sie von sich preis gibt.
"Vielleicht mache ich gerade alles falsch", sagt sie.
"Jemand wird hochgejubelt, das liest man doch jede
Woche. Das neue Gesicht, da, da, da. Und morgen ist es
jemand anderes."
Am letzten Tag der Berlinale hat sie Geburtstag. "Das
kommt auch noch dazu", sagt sie. Dann lacht sie so laut,
dass sich die Leute umschauen. Im Grunde ihres Herzens
ist sie doch ein fröhlicher Mensch.
( Berliner Zeitung / 10.2.2005 )
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